Konsum | #echtkathrinmademebuyit – Kompliment oder Vorwurf?

Blogger und Konsum

Werbung ohne Auftrag, da Marken erkennbar

Zur Zeit erreichen mich immer öfter Nachrichten, in denen mir Leser*innen berichten, dass sie ein Produkt aufgrund meiner Empfehlung gekauft hätten. #echtkathrinmademebuyit

Da hüpft das Bloggerherz. Zeigt es doch, dass man meinen Blog/Account liest und mich ganz offensichtlich für kompetent und glaubwürdig erachtet. Das fühlt sich ein bisschen an wie ein kleiner Orden, den man sich an sein Blogger-Rever heften kann.

Jede Marke kann ihre Conversion relativ leicht an Verkaufszahlen messen. Als Blogger geben Zugriffzahlen und Verweildauer Auskunft darüber, ob ein Artikel den Nerv der Leser*innen getroffen hat. Ob die Leser*in aber nun schlussendlich auch ausprobiert was wir ihr nahelegen, erfahren wir meist nicht. Von daher ist so ein Feedback natürlich eine tolle Sache und macht auch ein wenig stolz. Vor allem, wenn berichtet wird, man wäre genauso begeistert wie ich und hätte endlich ein lang gesuchtes Produkt gefunden.

„Ich habe also erfolgreich angefixt.“

Anfixen. Einer der ersten Begriffe, den ich vor über 10 Jahre in einem Forum über die Beautyszene lernte. Man wird angefixt. Wie ein Junkie vom Heroin. Jemand sieht etwas und der Wunsch es besitzen zu wollen wird so übermächtig, dass er irgendwann an nichts anderes denken kann. Man ist „addicted“ von etwas. Süchtig. 

Das klingt nicht sehr gesund. Aber dennoch macht es so viel Spaß sich durch die knallbunten Feeds zu scrollen. Sei es auf der konkreten Suche nach einem Produkt – wobei hier ein auf Google auffindbarer Blog immer noch hilfreicher ist, als ein stetig aktualisierender Instagramfeed – oder um sich inspirieren zu lassen. Was die deutlich gefährlichere Freizeitbeschäftigung ist. Denn plötzlich braucht man Dinge, von denen man 10 Minuten vorher noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt….

Niemand braucht 40 Lidschatten, 10 Cremes und 20 Mascaras. Schauen wir uns die Entwicklung auf YouTube und Instagram an, könnten wir aber den Eindruck gewinnen. Ständig werden neue Produkte auf den Markt geworfen. Ich fühle mich an die Fast Fashion Industrie erinnert. Früher gab es eine S/S- und die F/W-Kollektion. Heute wird unser Geschmack alle paar Wochen an der Nase herumgeführt. Und alles ist natürlich „Limited Edition“. Dabei ist das kein Szenario, welches mir nur in der Beauty- oder Fashionszene begegnet. Es zieht sich durch alle Lager. Irgendjemand hält immer irgendwas in die Kamera, was in uns Kaufimpulse weckt.

„Shopping als Aktivismus?“

Auch vor der Nachhaltigkeitszene macht es nicht Halt. Gerade dort wo Konsumkritik und Ressourcenschonung ganz groß geschrieben werden, kommt es immer wieder vor, dass relativ unkritisch alles mögliche beworben wird. Dabei ist es am Ende egal, ob der gezeigte Pullover schnell in Bangladesh zusammengeklöppelt oder in der Türkei fair produziert wird. Ist es der 30., sind das mindestens 20 zuviel. Und auch Fair Fashion Label locken mit Sales und setzen auf werbewirksame Influencer, um ihre Waren an den bewussten Mann und die bewusste Frau zu bringen. Zwar schwingt in der Szene vordergründig auch immer dieses „Wir tun es doch alle für die Sache“ mit, aber am Ende geht es auch hier um eines: Konsum. 

Egal wie ich es drehe und wende. Alles, was mir da entgegen kommt, beeinflusst mein Kaufverhalten. Mal möchte ich die Lauchstange schwingende Zero Waste-Prinzessin sein, dann genauso lasziv am Strand liegen wie mein yogisches Role-Model aus Bali. Und mit DEM Highlighter genau so fresh und glowy aussehen wie meine dezent optimierte Lieblings-YouTuberin. Eigentlich habe ich schon 10 zu Hause. Aber der hier, der so einen gewissen Schimmer. Den muss ich haben. 

Schließlich definieren wird mit unserem Konsum nicht nur unser Selbstbild, sondern auch unsere Aussenwirkung.  

„Shoppen macht glücklich.
Wenn ich dabei noch etwas Gutes tue, dann tut’s dem Gewissen auch nur halb so weh. 
Und ich werde selbst zur Nachhaltigkeits-Ikone. Wo bleibt eigentlich mein Award?“

Als Blogger oder Influencer gerät man schnell in einen Strudel aus Kaufrausch und Gewissensbissen. Auf der einen Seite erwartet die Leser*in prompte Bedienung. Klicks bekommt die, die am schnellsten mit den News um die Ecke kommt. Nicht selten höre ich von YouTubern, die gerade frisch aus dem wohlverdienten Urlaub kommen, dass sie eigentlich ja noch Produkt XY reviewen wollten, es aber ja sicherlich eh schon viel zu spät seien. Schließlich wurde das Produkt schon vor einer Woche (!) gelauncht und es gibt online schon zig Meinungen dazu. Da ist mit der eigenen nicht mehr viel zu holen.

Oder aber es werden Produkte extra dafür gekauft, um sie online zu besprechen. Weil sie im Trend sind und die Leser*in das erwartet. Ob das Produkt in drei Wochen noch verwendet wird, danach kräht kein Hahn. Ich möchte nicht wissen, wie viele Influencer Klamotten tragen, die sie vor einiger Zeit im Laden nicht mal in die Hand genommen hätten. Aber jetzt, wo man sie frei Haus bekommt…

Ja, uns Bloggern und Influencern fällt da eine Verantwortung anheim, derer wir uns wieder stärker bewusst werden sollten. Davon mache ich mich selbst nicht frei.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin ich in keinster Weise gegen Konsum. Da wäre ich hier fehl am Platze und müsste mich wahrscheinlich irgendwo in einer Höhle verkriechen. Aber ich bin FÜR einen BEWUSSTEN Konsum. Ich sehe meine Verantwortung darin, meine Leser*innen zu informieren, zu inspirieren und vor Fehlkäufen zu bewahren. Ich möchte ihnen die Chance geben, mit mir zu lernen und sich bewusst Gedanken zu machen. Nicht nur darüber welches neue Produkt sie sich demnächst gönnen, sondern auch darüber, ob sie es wirklich brauchen. 

Auch für mich war das ein Prozess. Aber ich sage nicht mehr zu allem JA, nur weil ich es entweder umsonst bekomme  oder weil Influencer XY es freudestrahlend in die Kamera hält. Egal, ob fair produziert oder nicht. Ich achte darauf, dass ich nicht mehr annehme, als ich selbst verbrauchen kann. Und vor allem kaufe ich nichts, nur um für den Blog oder Instagram ein paar Klicks abzugreifen. Aber auch ich muss mir immer wieder an die eigenen Nase fassen und mir meiner Verantwortung bewusst werden. 

Denn mein Verhalten – und das meiner Kolleg*innen –  hat einen nicht geringen Einfluss darauf, welche Kaufentscheidungen die Leser*innen treffen. Es wird genau beäugt und auch kommentiert. Gefragt und ungefragt. Das ist ganz natürlich. Wer sich öffentlich exponiert, muss damit rechnen, dass sein Verhalten bewertet wird. Allerdings nimmt das manchmal Züge an, die ich hier auch nicht unerwähnt lassen möchte. 

Manchmal habe ich nämlich das Gefühl, dass einige Menschen mich gerne direkt für den Klimawandel, das Artensterben und die Erhöhung der Spritpreise verantwortlich machen würden. 

„Aber was ist mit…?“

Im Englischen gibt es diesen schönen Ausdruck „Whataboutism“, mit den ich lange Zeit nichts anfangen konnte. Bis ich anfing öffentlich Stellung zu beziehen, eine Meinung zu haben, ja einfach nur eine Handcreme zu kaufen. „Das ist ja alles schön und gut, aber was ist mit…“ 

Zwar kann ich damit ganz gut um. Ich habe hier gelernt mein Tun immer und zu jeder Zeit erklären zu können. Aber ich müsste lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass es Momente gibt, in denen sowas auch mich auf die Palme bringt. 

Ich ärgere mich, wenn ich sehe wie aufkeimendes Umdenken im Werden erstickt wird. Wenn jemand euphorisch davon berichtet beim Einkauf bewusst darauf geachtet zu haben, etwas ohne tierische Inhaltsstoffe oder etwas von einer tierversuchsfreien Firma zu kaufen. Und ihm dann sofort – und gerne auch in Kombination mit einem freundlichen Smiley – mahnend mit auf den Weg gegeben wird, dass man ja ein wenig enttäuscht sei, dass derjenige nicht auch noch auf Mikroplastik geachtet habe. Wahlweise austauschbar durch „Fliegen“, „Aluminium“, „Bio“… Und fast immer gepaart mit einem erhobenen Zeigefinger. Oberlehrer-Style.

„Die digital gewordenen Backpfeife.“

Manchmal habe ich das Gefühl, dass so jemand sein schlechtes Gewissen an mir abarbeiten will. Ich möchte dann immer fragen, ob derjenige sein Kind mit dem Auto zur Schule fährt. Wie viele Kilometer er pro Woche mit dem Rad zurücklegt. Oder ob er nur selbstgezogenes Bio-Gemüse futtert. 

Die Erwartungen der Leser*innen an Blogger und Influencer –  vor allem an jene jenseits des unreflektierten Mainstreams – sind wahnsinnig hoch. Ob nun selbst inszeniert oder unfreiwillig. Sie gelten heiligengleich als Vorbilder in digitalen Schreinen, die uns täglich daran erinnern, wie wir gerne wären. Fehler sind da nicht erwünscht, denn die machen wir schließlich selbst und haben schon genug damit zu tun, diese zu verdrängen. Dann soll doch bitte der Mensch hinter unserem liebsten Instagram-Account makellos sein. Es ist so viel leichter die Fehler bei anderen zu suchen, als sich mit seinen eigenen auseinander zu setzen. 

Hab ich was verpasst?  Gibt es irgendwo einen Vertrag, bei dem ich mich schriftlich dazu verpflichtet habe, nie wieder mein Obst in eine Plastiktüte zu packen? Oder nie wieder ein Kosmetikprodukt mit Bienenwachs zu kaufen? Nie wieder einen Fuß in eine H&M-Filiale zu setzen? Manchmal kommt es mir so vor. Um Himmels willen, was würden sie Leser*innen sagen? 

„Der Druck steigt und unsere Mutter Theresa der Nachhaltigkeit fühlt sich gezwungen, sich zu rechtfertigen. Oder digital zu detoxen.“

Weil es verdammt schwer ist 24/7 perfekt zu sein. Oder dämliche Kommentare zu lesen. Denn – oh Wunder – wir alle sind menschlich. Und somit nicht fehlerfrei.

Wir sind nur uns selbst und unserem Gewissen verpflichtet. Was für mich einhergeht mit einer gewissen Vorbildfunktion. Die endet für mich aber da, wo die Leser*in ihr Hirn mit dem Like-Button abgibt. Ein wenig Eigenverantwortung und Selbstständigkeit erwarte ich schon. Die Fähigkeit richtig von falsch zu unterscheiden. Zu Googeln. Und nicht die Erwartung zu haben, dass andere Menschen für unser Wohlbefinden verantwortlich sind und für uns das vorbildliche Leben führen, das wir gerne hätten. 

Dann geht der ein oder andere Ausrutscher mal klar. Wobei. „Ausrutscher“. Da haben wir’s wieder. Ausrutscher von was? Ich muss das Kleingedruckte noch mal lesen.

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3 Comments

  • Reply
    Kati
    27. August 2018 at 17:21

    Das kann ich absolut unterschrieben. Danke, dass du das so treffend ausgedrückt hier festhältst! Und da ich zu denen gehöre, die dir in letzter Zeit eine solche „Anfix“-Nachricht geschickt haben: ja, das passiert mir hin und wieder, dass ich mich inspirieren lasse, aber genau wie du versuche ich, trotzdem ein gesundes Maß walten zu lassen. Aber es ist natürlich manchmal auch schwierig.
    Und ebenso wie du finde auch ich das Thema ganz schwierig, alles richtig machen zu müssen. Es ist ja schlichtweg gar nicht – oder sehr selten – möglich, ein Produkt zu kaufen, bei dem absolut alles passt – von sämtlichen Inhaltsstoffen bis zur Verpackung über die Lieferkette und den Verkauf. Irgendwo hakt es ja allermeistens, aber das wichtigste ist doch, dass ein generelles Bewusstsein geschaffen wird für die verschiedenen Problematiken, und wenn jeder die nach seinem Gusto umsetzt, wird im Endeffekt an allen Baustellen etwas getan 🙂
    Und was den (maßlosen) Kauf oder das Anfordern/Annehmen von PR-Produkten angeht: auch da bin ich ganz bei dir. Wie Jenni von Pretty Green Woman so schön schrieb, wir haben ja nur 1,5qm Haut und wo sollen da die ganzen Pflegeprodukte denn hin. ich konnte ja eine Freundin begeistern, die hin und wieder auch berichtet und mir ab und an Produkte „abnimmt“, aber alles in allem kann man halt nicht jeden Trend abdecken und mitmachen. Da muss ich aber auch noch an mir arbeiten und noch etwas weiter reduzieren, um ehrlich zu sein.

    So oder so: toller Post, danke dafür!

    Liebe Grüße,
    Kati

  • Reply
    Petra
    27. August 2018 at 18:43

    Haha, sehr treffend! Aber mir passiert das auch, sowohl als jene für mahnt als auch als die, die ermahnt wird. Jeder Mensch bricht gelegentlich aus, auch aus selbst auferlegten Grenzen und das ist auch gut und vernünftig so. Und ja, gut dass du mich erinnerst, ich wollte dich unbedingt noch die von dir du hoch gelobte alverde Mascara kaufen, bevor sie vergriffen ist 😬☝️
    PS: Wenn du das nächste Mal bei Landwege oder in der Domäne Fredeburg bist, dann schaue dich doch mal etwas genauer auf dem Parkplatz um und vergleiche mal die Zahl von E-Autos und SUVs, das setzt die Perspektive wieder zurecht 😇

  • Reply
    Maja
    28. August 2018 at 08:18

    Ja zu mehr Verantwortungsgefühl bei Influencern, auch wenn ich die Leser nie aus der Pflicht nehmen würde. Wir sind alle denkende Wesen, die natürlich auch selbst dafür verantwortlich sind, was in unserem Warenkorb landet.

    Und ja zur Imperfection! Jeder Schritt ist wichtig und sollte motiviert werden und nicht bei einem kleinen Fehler wieder im Keim erstickt. Auch wenn ich mich selbst manchmal dabei erwische, dass ich das denke. Gerade bei Menschen, die recht belehren auftreten, fallen einem die „Fehler“ natürlich besonders auf. Aber ändern kann man eh nur sich selbst, also sollte man sich darauf konzentrieren.

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